Eventdesign

Warum gute Räume mehr erzählen als Worte

Es gibt Momente auf Veranstaltungen, die mich immer wieder faszinieren. Wenn Menschen einen Raum betreten, kurz langsamer werden und sich umsehen. Sie haben noch kein Gespräch geführt, keinen Vortrag gehört – und trotzdem ist schon etwas angekommen.

Genau diesen Moment durfte ich 2022 zum ersten Mal beim Haus der Allgäuer Werte erleben. Die Besucher betraten keine klassische Messehalle. Grüner Boden, Holz, Pflanzen, offene Begegnungsflächen und ein scheinbarer Horizont prägten den Raum. Niemand musste erklären, wofür das Allgäu steht. Der Raum erzählte es selbst.

Fotos: © by Dominik Berchthold & KAD

Autorin
Haus der Allgäuer Werte auf der Allgäuer Festwoche mit blau-weißen Ausstellungselementen, Pflanzen und einer stilisierten Allgäuer Landschaft als Eventdesign.

Räume sprechen, bevor Menschen es tun

Wer eine Veranstaltung plant, denkt zuerst an Programm, Referenten, Technik, Abläufe oder Catering. Alles wichtig. Aber die erste Botschaft entsteht früher. Noch bevor jemand einen Inhalt liest, nimmt er seine Umgebung wahr: Ist es hell oder dunkel? Offen oder eng? Laut oder ruhig? Fühlt sich ein Material warm oder kühl an? Weiß ich intuitiv, wohin ich gehen soll?

Ich beobachte das auf Veranstaltungen immer wieder. Manche Menschen betreten einen Raum, bleiben stehen, schauen sich um und werden neugierig. Andere laufen hindurch, obwohl dort eigentlich spannende Inhalte auf sie warten. Der Unterschied liegt manchmal weniger im Programm als in dem Raum, in dem es stattfindet.

„Räume kommunizieren, bevor Menschen miteinander sprechen.“

Das Haus der Allgäuer Werte: ein Raum statt vieler Messestände

Als wir gemeinsam mit der Allgäu GmbH das Basiskonzept für das Haus der Allgäuer Werte entwickelten, wollten wir bewusst keinen klassischen Messeaufbau schaffen. Die Idee war einfach: Nicht viele einzelne Marken zeigen – sondern eine gemeinsame Identität erlebbar machen. Ein grüner Teppich zog sich wie eine Wiese durch die Halle. Holz und Pflanzen brachten Natürlichkeit in die Markthalle. Vorhänge öffneten den Blick Richtung Horizont. Die Gestaltung sollte „gemütlich - kreativ - frisch“ wirken. Die Markenpartner blieben sichtbar, wurden aber Teil eines gemeinsamen Ganzen. Denn statt zu fragen: "Wer ist größer, lauter oder auffälliger?", haben wir uns gefragt:

Kann man Werte überhaupt gestalten?

Beim Haus der Allgäuer Werte steckt die entscheidende Frage schon im Namen: Wie gestaltet man Werte?

Die Markenidentität des Allgäus basiert auf vier Werten:
ehrenwert, heilsam, friedlich und originell.

Auf einem Markenpapier lassen sich diese Begriffe erklären. Im Raum funktioniert das anders. Wir können nicht einfach „friedlich“ an eine Wand schreiben und erwarten, dass Menschen Frieden empfinden. Und „heilsam“ wird nicht spürbar, nur weil es auf einem Schild steht. Abstrakte Werte müssen in konkrete Erlebnisse übersetzt werden.

Ehrenwert: Gestaltung darf ehrlich sein

Ehrenwert bedeutet für mich vor allem Echtheit und Verlässlichkeit. Auch Gestaltung kann ehrlich sein. Holz darf nach Holz aussehen. Eine Konstruktion muss nicht hinter Hochglanz verschwinden. Natürliche Materialien, Pflanzen und modulares Holzmobiliar prägen deshalb seit Beginn das Haus. Vieles wird weiterverwendet, angepasst und weiterentwickelt, statt jedes Jahr neue Kulissen zu produzieren.

Ein gutes Beispiel ist auch der 2025 und 2026 eingesetzte Cradle-to-Cradle-Teppich. Nach der Veranstaltung wird er abgeholt und wieder dem Materialkreislauf zugeführt.

Heilsam: Räume dürfen guttun

Bei „heilsam“, Ich bin gerne hier. Ein Raum kann beruhigen oder stressen. Er kann Orientierung geben oder überfordern. Beim Haus der Allgäuer Werte helfen Grün, Pflanzen, natürliche Materialien und die visuelle Weite dabei, mitten im Messetrubel einen anderen Charakter entstehen zu lassen. Und inzwischen wissen wir, dass das nicht nur unser eigenes Gefühl ist. 2025 hat unsere duale Studentin Veronika Steinheber das Haus im Rahmen ihrer Projektarbeit wissenschaftlich untersucht. 366 Personen schlossen die Befragung vollständig ab. Fast 90 Prozent stimmten zu oder voll zu, dass Farben, Materialien und Lichteinsatz ansprechend gewählt waren. Das fand ich besonders spannend: Plötzlich wurde aus unserem Bauchgefühl eine messbare Besucherwahrnehmung.

Friedlich: Was passiert, wenn wir Grenzen weglassen?

„Friedlich“ zeigt sich für mich vor allem darin, wie Menschen miteinander Raum teilen.
Beim Haus der Allgäuer Werte stehen die Partner nicht wie kleine Festungen nebeneinander. Die Bereiche gehen ineinander über. Pflanzen, Sitzgelegenheiten und offene Flächen strukturieren den Raum, ohne harte Grenzen zu schaffen. Und das verändert etwas. Aus Abgrenzung wird Nachbarschaft. Aus Laufwegen werden Begegnungsräume. Aus einzelnen Ausstellern entsteht ein gemeinsames Haus. Gemeinschaft wird räumlich gelebt.

Originell: Eine einfache Verbindung verändert das System

Beim Wert „originell“ denke ich beim Haus der Allgäuer Werte vor allem an ein Detail, das eigentlich ganz unscheinbar ist: die Verbindung unserer Regale.
Statt Möbel klassisch zu verschrauben oder feste Einbauten zu produzieren, haben wir mit einem einfachen Steck- und Verbindungssystem von PlayWood gearbeitet. Holzplatten werden über Verbinder zusammengehalten und können wieder gelöst, verändert und neu zusammengesetzt werden. Denn so entstand kein starres Messesystem, sondern eines, das sich mit uns weiterentwickeln konnte. Aus denselben Grundelementen konnten immer wieder neue Regale, Präsentationsflächen und Situationen entstehen. Und das nun seit 5 Jahren.
Für mich steckt genau darin etwas Originelles: nicht zwingend etwas völlig Neues erfinden zu müssen, sondern Bekanntes anders zusammenzusetzen.

Was sagen eigentlich die Besucher?

Nach mehreren Jahren hatten wir natürlich selbst ein Gefühl dafür entwickelt, was im Haus funktioniert. Die Projektarbeit von 2025 hat uns zusätzlich die Perspektive der Menschen gegeben, für die wir diesen Raum gestalten.

Die Ergebnisse waren ziemlich eindeutig:

  • rund 96 % empfanden die räumliche Gestaltung als stimmig oder sehr stimmig
  • rund 92 % bewerteten die Vermittlung der Allgäuer Werte durch die Raumgestaltung als gut oder sehr gut
  • 64,21 % nannten „Heimatgefühl“ als vorherrschende Emotion
  • 86,6 % würden das Haus der Allgäuer Werte weiterempfehlen
  • mehr als 84 % vergaben vier oder fünf Sterne

Besonders häufig wurden Holz, Pflanzen, Naturmaterialien, Helligkeit, Grün- und Blautöne und die offene Gestaltung positiv genannt. Die Besucher beschrieben damit ziemlich genau die Elemente, mit denen wir Jahre zuvor versucht hatten, Regionalität, Natürlichkeit, Offenheit und Gemeinschaft räumlich zu übersetzen.
Gestaltung wurde also tatsächlich gelesen und gefühlt.

Was ich daraus gelernt habe

Nach fünf Jahren frage ich mich deshalb weniger, ob ein Gestaltungselement schön ist.
Ich frage mich: Passt dieses Material wirklich zur Geschichte? Unterstützt diese Fläche Begegnung? Vermittelt der Raum Ruhe, wenn wir von „friedlich“ sprechen? Ist eine Idee tatsächlich originell – oder nur auffällig? Drei Dinge nehme ich aus den vergangenen Jahren besonders mit:

  1. Menschen erinnern sich selten an einzelne Gestaltungselemente.
    Sie erinnern sich an ein Gefühl. Wenn jemand später sagt: „Es hat sich irgendwie nach Allgäu angefühlt“, ist das vielleicht das größte Kompliment.
  2. Weniger kann mehr Erlebnis bedeuten.
    Freiräume sind keine ungenutzten Flächen. Ruhe ist ebenfalls Gestaltung. Nicht jeder Quadratmeter muss eine Botschaft tragen.
  3. Werte brauchen Konsequenz.
    Eine Marke wird nicht glaubwürdig, weil ihr Logo möglichst groß im Raum steht. Sondern wenn Material, Verhalten, Kommunikation und Atmosphäre dieselbe Geschichte erzählen.

Fünf Jahre später: Ein Konzept, das mitwächst

2026 begleiten wir das Haus der Allgäuer Werte im fünften Jahr.
Und vielleicht zeigt sich gerade jetzt eine der größten Stärken des ursprünglichen Konzeptes: Es funktioniert immer noch. Nicht, weil es fünf Jahre unverändert geblieben ist. Sondern weil es von Anfang an so gedacht war, dass es sich verändern kann.

Die modularen Holzelemente werden neu kombiniert, Regale bekommen andere Funktionen, Flächen verändern sich und neue Inhalte kommen hinzu. Vieles von dem, was 2022 entstanden ist, ist heute noch im Einsatz – nur eben immer wieder anders.Für mich ist das ein wichtiger Teil von gutem Eventdesign. Nicht jedes Jahr alles abzubauen, wegzuwerfen und neu zu beginnen. Sondern eine starke gestalterische Basis zu schaffen, die weitergedacht werden kann. Auch die vier Werte ehrenwert, heilsam, friedlich und originell sind dabei geblieben. Sie geben dem Haus bis heute seinen Rahmen – und gleichzeitig immer wieder die Möglichkeit, neue Geschichten zu erzählen. Nach fünf Jahren geht es deshalb für uns weniger darum, das Haus neu zu erfinden. Sondern darum, das Bestehende weiterzudenken.

Fazit: Gute Gestaltung darf bleiben

Über fünf Jahre konnten wir beobachten, wie sich ein Raum verändert, ohne seine Identität zu verlieren. Elemente werden wiederverwendet, neu zusammengesetzt, ergänzt und angepasst. Was funktioniert, darf bleiben. Was nicht funktioniert, wird verändert. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Projekt: Gutes Eventdesign muss nicht jedes Jahr neu sein, um sich neu anzufühlen. Es braucht eine Idee, die stark genug ist, um Bestand zu haben – und gleichzeitig offen genug, um sich weiterzuentwickeln.
Und wenn dabei Werte wie ehrenwert, heilsam, friedlich und originell nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Material, im Raum und im Miteinander spürbar werden, dann wird aus Gestaltung mehr als eine schöne Kulisse.

Eine Frage zum Schluss:
Welche vier Werte müsste ein Raum vermitteln, damit du deine Marke darin erkennst – ganz ohne Logo?

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